Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz klar

Rede von Umweltminister Stefan Wenzel zum 30. Geburtstag des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer

am 11. August 2016 in Cuxhaven



- Es gilt das gesprochene Wort -


Anrede,

vor drei Jahrzehnten hätten sich vermutlich nur wenige unter uns vorstellen können, heute und an dieser Stelle in dem wunderschönen, neuen Nationalpark- und Weltnaturerbe- Informationszentrum den 30. Geburtstag des Niedersächsischen Wattenmeer-Nationalparks miteinander zu feiern. Zu neu und zu ungewiss war seinerzeit für alle Beteiligten der Umgang mit diesem neuen Schutzgebiet. Diejenigen, die damals dabei waren und mitwirkten, wissen vermutlich, worüber ich spreche.

Ein riesiger neuer Nationalpark von der Ems bis zur Elbe, viele beteiligte Kommunen, Institutionen und Verbände sowie eine gänzlich neue Nationalparkverwaltung. Alle zusammen mussten sie lernen, in jeweils unterschiedlichen Zusammenhängen miteinander umzugehen. Die neue Nationalparkverordnung setzte dafür den Rahmen.

Aus heutiger Sicht vollkommen verständlich und klar, dass es zu Beginn nicht nur eitel Sonnenschein geben konnte, sondern auch heftige Konflikte, die es politisch zu lösen galt.

Unterschiedliche Interessenlagen, unterschiedlich auch die Visionen für die weitere Entwicklung des gesamten Küstenraumes im Allgemeinen sowie der engeren Lebensumwelt im Speziellen. Die Art und Weise der Schutzgebiets-Ausweisung hat natürlich nicht alle „mitgenommen", wie wir heute sagen würden. Dazu kam, dass ein Mitreden und gar Entscheiden aus Wilhelmshaven oder aus dem fernen Hannover nicht sonderlich beliebt war. Ich könnte mir denken, dass Herr Bürgermeister Garrels uns darüber noch mehr erzählen wird.

Zudem standen in der Nationalparkverordnung viele durchaus konkrete Dinge, was geht und was nicht. Althergebrachte Rechte, ob ausgeübt oder nicht, standen zur Disposition oder waren auf einmal sogar verboten - ob im Sport, in der Wissenschaft, beim Küstenschutz, in der Landwirtschaft, Fischerei oder im Tourismus. Also insgesamt keine günstigen Voraussetzungen, von einem massiven Gegeneinander zu einem sachlichen Nebeneinander bis hin zu einem konstruktiven Miteinander zu gelangen.

Aber, Anrede,

wir haben es geschafft, auch wenn der Weg zwischendurch mehr als holprig war und zu mancher Blessur führte!

Wir blicken heute zurück auf 30 Jahre Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer und sind sehr stolz auf das miteinander Erreichte. Viele Lebensräume und Pflanzenarten, für die wir hier mindestens national eine Verantwortung tragen, befinden sich in einem guten bis sehr guten Erhaltungszustand. Auch bei den Tierarten sieht es überwiegend gut aus.

Den Meeressäugern geht es gut und bei dem alljährlich im Gebiet stattfindenden GEO-Tag der Artenvielfalt werden stetig neue Nachweise zwischenzeitlich verschollen geglaubter oder gänzlich neuer Tierarten für den Nationalpark erbracht. Darüber freuen wir uns sehr.

Bei den Vogelarten, insbesondere bei den Brutvögeln, sieht es hingegen nicht so einheitlich aus. Wir sind begeistert über die zwischenzeitliche und erfolgreiche Rückkehr des Löfflers, machen uns aber große Sorgen um die Kornweihe, die Strandbrüter und auch die Uferschnepfe.

Wir unternehmen deshalb auch unter Zuhilfenahme von EU-Geldern große Anstrengungen, um diesen Tieren wieder in die Erfolgsspur zu verhelfen. Über einige der Aktivitäten im Naturschutz wird Herr Südbeck zum Abschluss der Veranstaltung noch einige Ausführungen machen.

Bedrohlich wirken Veränderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen und massive Artenverluste zur Folge haben können. In diesem sensiblen Lebensraum können klimatische Veränderungen, aber auch Meeresspiegelveränderungen und Versauerung dramatische Folgen haben.

Auch die schwindende Zahl der Insekten kann enorme Auswirkungen auf die Nahrungskette haben. Das globale Bewusstsein für diese Zusammenhänge ist gewachsen. Die Bereitschaft zum durchgreifenden Handeln nur in Ansätzen. Aktuell formuliert sich eine Koalition gegen die Ratifizierung des Pariser Abkommens. Zumeist Besitzer von Firmen mit großen Öl- und Kohleförderreichten. Wenige Personen, aber viel Geld.

Aber lassen Sie mich wieder zum Positiven kommen: Wir haben das das Management im Nationalpark erheblich verbessert - unter anderem auch durch den Einsatz von zwölf neuen Rangerstellen im gesamten Gebiet, unseren neuen freundlichen Gesichtern in der Fläche, die für alle, für die Vorortbehörden, für die einheimische Bevölkerung aber auch für unsere Gäste als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Ich glaube sagen zu können, dass unser Nationalpark nun auch in der Region angekommen ist. Denn niemand von uns würde auch nur eine Sekunde die Bedeutung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer für den nationalen und internationalen Natur- und Artenschutz sowie gleichzeitig auch für die regionale Wirtschaft in Frage stellen. Zu deutlich und eindeutig positiv sprechen zum Beispiel die Zahlen, Daten und Fakten der Tourismuswirtschaft dagegen. Wir wissen heute, dass die Tourismuswirtschaft und damit auch andere wirtschaftliche Bereiche von der Ausweisung des Nationalparks erheblich profitiert haben.

Eine Untersuchung der Universität Würzburg über den regionalökonomischen Effekt des Nationalparks bereits im Jahre 2009 machte deutlich, dass der Schutz der Natur eine wesentliche Grundlage für die regionale Ökonomie ist: 81% aller Touristen wollen auf Naturwerte ausgerichtete Erholungsaktivitäten wie Schwimmen, Radfahren, Wattwanderung oder Vogelbeobachtung ausüben. Drei Millionen Gäste kommen allein wegen des Nationalparks.

Der Bruttoumsatz allein durch Nationalparktouristen beträgt rund 114 Millionen Euro - das entspricht mehr als 3.000 Arbeitsplatzäquivalenten. Diese Zahlen sprechen für sich!

Einen großen Anteil an diesem Erfolg haben auch unsere Nationalparkhäuser und -zentren. Wir erreichten in den vergangenen Jahren jeweils zwischen 650.000 und knapp einer Million Besucher in allen Einrichtungen zusammen. Das ist eine herausragende Zahl, die einfach auffällt und ebenso für sich spricht. In vielen Orten ist das Nationalparkhaus die größte oder am meisten besuchte Einrichtung nicht nur für Naturerlebnis und Naturschutz, sondern ebenso im Tourismussektor. Überhaupt nicht mehr wegzudenken mit einem großen Angebot an Ausstellungen, Veranstaltungen oder Nationalparkführungen. Unsere Zentren wie dieses hier sowie die Häuser haben einen sehr großen Anteil an der Akzeptanzsteigerung des Nationalparks besonders auch in den kritischen Phasen des Nationalparks, aber ganz stark bis auf den heutigen Tag und das ist auch gut so.

Nicht vergessen dürfen wir in diesem Zusammenhang ein nicht nur für den Nationalpark, sondern auch für die gesamte Region wichtiges Datum: den 29.6.2009, dem Tag der Anerkennung des niedersächsischen Wattenmeeres als Weltnaturerbe-Gebiet.

Ganz deutlich ging seinerzeit ein Ruck durch die Region, durch die Landkreise, Städte und Gemeinden. Zuvor war vielleicht nicht allen die übergreifende, globale Bedeutung des Wattenmeers für den Schutz der Biodiversität oder für die natürliche Dynamik so bewusst. Erst der Fokus der Weltgemeinschaft auf dieses Gebiet und die Anerkennung als Welterbestätte machte plötzlich allen auch vor Ort klar, welches Juwel da sprichwörtlich vor der eigenen Haustür liegt. Und vielen wurde vom einen auf den anderen Moment deutlich, dass alle gefragt sind, Verantwortung zum Erhalt dieser global so einmaligen Naturlandschaft zu übernehmen.

Mir wurde berichtet, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Nationalparkverwaltung am Rande ihrer zahlreichen Vorträge in der Region zur Anerkennung als Welterbestätte immer wieder von dem Stolz der Bürgerinnen und Bürger erfuhren, in bzw. am Rande eines Gebietes zu wohnen, das nun - salopp ausgedrückt - in der Champions-League der global bedeutsamen Naturlandschaften angesiedelt ist. Auch wurden sie gefragt, ob und was man denn zukünftig tun könne, um dieses Gebiet auch weiterhin und für die nachfolgenden Generationen zu schützen.

Und diese internationale Bedeutung ist am Wattenmeer ja quasi täglich spürbar: Die Tausende von Zugvögeln, auch hier vor dem Besucherzentrum in Cuxhaven, sind doch Botschafter für das Watt in der Welt und umgekehrt. Ich freue mich, dass in den vergangenen Jahren mit der „Wadden Sea Flyway Initiative" Aktivitäten auch vom niedersächsischen Nationalpark heraus auf den Zugweg der Vögel ausgedehnt werden konnten, sodass wir Vogelzählungen in Guinea und Mauretanien, Gambia und Guinea-Bissau fördern konnten. Und selbst unser Partnerland Südafrika, Eastern Cape, hat mit der Brandseeschwalbe einen gemeinsamen Botschafter. Die Zugvögel und ihre internationale Verflechtung - im wahrsten Sinne des Wortes - weisen weit über die eigentliche Naturschutzbedeutung hinaus, gerade in Zeiten, die von weltweiter Migration gekennzeichnet sind.

Das alles stimmt mich froh, meine Damen und Herren, und macht deutlich, dass wir uns alle zusammen auf dem Weg vom konstruktiven Miteinander zum verantwortungsvollen Füreinander zum Wohle des Weltnaturerbe-Gebietes und zum Wohle der Region begeben haben. Denn viele Menschen sind bereit, sich für den Schutz des Nationalparks einzusetzen. Sie wissen um die Sensibilität und die Bedeutung des Gebietes auch im internationalen Kontext. Auch ist ihnen die tatsächliche oder potentielle Gefährdung einzelner Arten und Lebensgemeinschaften in dieser so wunderbaren Landschaft klar.

Alle zusammen können wir deshalb froh und auch stolz sein, dass nun viele unserer Gemeinden und Partner im und am Nationalpark unter anderem auf der Basis von Kooperationsverträgen mithelfen und mitwirken, für den Schutz und die Weiterentwicklung des Gebietes Sorge tragen zu wollen. Das heißt nun nicht, dass alle Beteiligten von nun an in jeder Situation und zu jedem Anlass auch immer gleicher Ansicht sind. Nein, das sicher nicht, auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht wünschenswert wäre! Aber das Wesentliche ist doch, dass die beteiligten Akteure auf der Basis einer gemeinsam begriffenen und praktizierten Grundverantwortung für den Nationalpark und für das Weltnaturerbe-Gebiet nach besten Lösungen auch in kniffeligen Fragen suchen wollen.

Und wir wollen diesen Anspruch auch noch verstärkt zum Anlass nehmen, die niedersächsische Küstenregion in eine Region der Nachhaltigkeit zu entwickeln. Die erarbeitete Strategie für einen nachhaltigen Tourismus, breit abgestimmt zwischen den Wattenmeer-Ländern und zwischen Wirtschafts- und Naturschutzressorts, ist dazu eine besondere Aufforderung. Wir wollen dies aber mit den Gemeinden entlang des Nationalparks gemeinsam unter dem Dach des UNESCO-Biosphärenreservats tun, denn dann sind wir wirklich eine Modellregion für nachhaltige Entwicklung mit Weltrang und Ausstrahlung in die Welt hinein. Dass es auch hier gerade aus dem Feld der konventionellen Landwirtschaft viele Fragen und auch Besorgnisse gibt, ist verständlich, aber zum offenen Schlagabtausch lohnt es meines Erachtens nicht, sondern mehr zum Ergreifen von Chancen.

Anrede,

insofern blicke ich sehr optimistisch und erwartungsvoll in die Zukunft.

Anlässlich dieses besonderen Tages möchte ich allen, die bis zum heutigen Tag an der Erfolgsgeschichte des Nationalparks und nun auch Weltnaturerbe-Gebietes mitgewirkt haben, meinen großen Respekt zollen und Ihnen allen meinen großen Dank aussprechen. Darin schließe ich ausdrücklich die vielen Ehrenamtlichen in Verbänden und Vereinen und die vielen Privat-Faszinierten und auch die Presse ein. Lassen Sie uns weiter zum Wohle des Gebietes, seiner Einmaligkeit, seiner außerordentlichen Vielfalt an Arten und Lebensräumen zusammenarbeiten - dies natürlich auch zum Wohle der gesamten Küstenregion.

In diesem Sinne wünsche ich uns zusammen ein gutes Gelingen und jetzt eine gelungene Veranstaltung.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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