Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz klar

Entwicklung typischer Landschaften

Nachhaltiges Handeln erfordert die Umsetzung von Naturschutzzielen auf 100 Prozent der Fläche. Das heißt: Natur und Landschaft sind sowohl im unbesiedelten als auch im besiedelten Bereich, eben auf der gesamten Fläche des Landes, zu schützen, zu pflegen und zu entwickeln. Auch außerhalb der Schutzgebiete gilt es deshalb, Artenvielfalt und natürliche Lebensräume in der Kulturlandschaft zu sichern oder nach Möglichkeit wiederherzustellen. Dabei ist ein partnerschaftliches Miteinander insbesondere mit der Landwirtschaft angestrebt, die als flächenmäßig größter Landnutzer den größten Einfluss auf die Gestaltung der Kulturlandschaft hat.

Ein aktuelles Beispiel für den Einfluss der Landwirtschaft auf die Entwicklung der Landschaften ist der weiter anhaltende Rückgang von Grünland durch Umwandlung in Ackerland (Abb. 02). So wurden nach Angaben des Landesamtes für Statistik 2013 in Niedersachsen 691.600 Hektar als Grünland genutzt. Im Jahr 1999 waren es noch 848.409 Hektar. Zudem nimmt die Bedeutung des Grünlands für den Arten- und Biotopschutz vielerorts durch Artenverarmung infolge der intensiveren Bewirtschaftung deutlich ab. Dazu gehören auch ungünstige Auswirkungen auf die Bestände unserer Wiesenvögel. So hat sich beispielsweise der Bestand der Uferschnepfe innerhalb von 30 Jahren von über 6.000 auf etwa 2.500 Paare mehr als halbiert. Mit klaren Worten: Die Kulturlandschaft ist vor allem wegen der intensivierten landwirtschaftlichen Nutzung für die meisten Arten heutzutage mehr oder weniger lebensfeindlich.


Umweltbericht 2015  

Die für den Naturschutz bedeutsamen Biotope sind durch die intensive Landnutzung, aber auch durch Verkehrswege und Siedlungsbau, zunehmend zerschnitten und isoliert worden, eine Trendumkehr ist derzeit nicht absehbar. Von großer Bedeutung für den Fortbestand einer Vielzahl von Arten ist daher eine (Wieder-)Vernetzung dieser Biotope und weiterer Flächen. Denn nur ein Biotopverbund ermöglicht Ausbreitungsprozesse typischer Arten und den Austausch von Individuen im Rahmen von Metapopulationen. Um eine funktionale Vernetzung zu erreichen, ist neben möglichst großen Kernflächen in ausreichender Anzahl und naturraumtypischer Verteilung auch der räumliche Verbund der Kernflächen durch lineare Biotope, das heißt durch Korridore, sowie sogenannte Trittsteine wichtig. Das Natura-2000-Netz liefert das wesentliche Grundgerüst für den Biotopverbund; weitere Bestandteile bilden - bei entsprechender Eignung - weitere geschützte Teile von Natur und Landschaft. Im Osten und Süden des Landes grenzt Niedersachsen unmittelbar an das Grüne Band, das als Biotopverbund entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze erhalten und entwickelt werden soll.

Über dauerhaft funktionsfähige ökologische Wechselbeziehungen zwischen vernetzten Biotopen hinaus, etwa durch Wanderschäferei und angepasste Bewirtschaftungsmethoden, soll zudem ein Mindestmaß an Durchlässigkeit der „normalen" Landschaft, die etwa 90 Prozent der Fläche Niedersachsens ausmacht, erreicht werden. Dies kann durch Ausschluss hinderlicher beziehungsweise Begünstigung förderlicher Nutzungen und Flächenbeschaffenheiten geschehen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige Maßnahme sind Gewässerrandstreifen: Solche Schonstreifen an Fließgewässern erfüllen eine wichtige Biotopfunktion, zugleich dienen Gewässerrandstreifen als Puffer- und Retentionsflächen, was wiederum die Stickstoffeinträge aus der Landwirtschaft vermindert.

Von den ursprünglichen Naturlandschaften der heutigen Landfläche Niedersachsens ist an keiner Stelle etwas erhalten geblieben; vielmehr ist die ursprüngliche Wildnis seit der Jungsteinzeit flächendeckend in Kulturlandschaften verwandelt worden. Es gibt heute weder Urwälder noch intakte große Hochmoore und natürliche Flussauen. Lediglich im Wattenmeer können Teilbereiche als vergleichsweise natürlich angesehen werden. Seit den 1970er Jahren wurden in Niedersachsen Gebiete ausgewiesen, in denen wieder eine natürliche Entwicklung ohne (unmittelbare) Einwirkungen des Menschen möglich sein soll. Dabei ging es zunächst um Naturwaldreservate (heute: Naturwälder), die vorrangig der Forschung dienen sollen. Später folgten dann die Nationalparke, die mittelfristig zumindest auf 75 Prozent ihrer Fläche der natürlichen Dynamik unterliegen sollen. Aktuell wird an der Ausweisung von entsprechenden Kernflächen auf drei Prozent der Fläche des Biosphärenreservats „Niedersächsische Elbtalaue" gearbeitet.

In der Summe umfassen die neuen Wildnisgebiete bisher deutlich weniger als ein Prozent der Landesfläche. Die Natur soll sich indes auf insgesamt 2 Prozent der Landesfläche ungestört entwickeln dürfen und auf 5 Prozent der Bundes-Waldfläche. Um das nach der 2007 beschlossenen Biodiversitätsstrategie angestrebte Ziel „Mehr Wildnis!" zu erreichen, sind teilweise Maßnahmen zur Erstinstandsetzung notwendig, um die Ausgangsbedingungen für natürliche Prozesse zu verbessern. Dazu gehören die Wiedervernässung von Mooren, der Rückbau von Uferbefestigungen, Um- oder Neubau von wasserbaulichen Anlagen zur Erreichung eines möglichst naturnahen Wasserstandes inklusive der Ausdeichung von Flächen, der Rückbau von Wegen, die künftig nicht mehr benötigt werden, und die Beseitigung von Vorkommen invasiver Arten wie beispielsweise der Kartoffelrose im Küstendünenbereich.

Außerdem ist gegebenenfalls die Kompensation des Verlustes schutzwürdiger beziehungsweise gesetzlich geschützter Biotope und von für den Artenschutz wichtigen Bereichen erforderlich, falls sich dieser trotz sorgfältiger Gebietsauswahl nicht vollständig vermeiden lässt. So wäre beispielsweise die Entwicklung von artenarmem Auengrünland zu mageren Flachlandmähwiesen denkbar, falls dieser FFH-Lebensraumtyp von Flächenverlusten betroffen wäre, oder die Entwicklung von (Ersatz-)Wiesenvogelbrutgebieten, wenn ein Verlust von Lebensräumen durch eine ungenutzte Auenentwicklung zu erwarten ist. Und schließlich sind dort, wo es naturschutzfachlich sinnvoll und möglich ist, Maßnahmen zur Besucherlenkung und zur Schaffung von Möglichkeiten des Erlebens von Wildnis erforderlich, zum Beispiel Stege in Feuchtgebieten, Aussichtstürme, Rückbau von Waldwegen in Schutzgebieten (zum Beispiel im Nationalpark Harz).

Nach der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS), die 2007 beschlossen wurde, sollen fünf Prozent der gesamten bzw. zehn Prozent der öffentlichen Waldfläche in Deutschland einer natürlichen Entwicklung überlassen werden. Dieses Ziel will das Land Niedersachsen bis 2020 umsetzen. Neben zu diesem Zweck neu ausgewiesenen Wäldern sollen zu der Fläche dann auch Bestände mit bereits vorhandener Schutzgebietskategorie (Naturwälder, Prozessschutzflächen im Niedersächsischen Nationalpark Harz) sowie geeignete, biologisch besonders wertvolle Wald-„Hotspots" gehören. Zum Stichjahr 2015 sind bereits 8,2 Prozent der Flächen der Niedersächsischen Landesforsten einer natürlichen Entwicklung überlassen und somit nutzungsfrei.

Andere, insbesondere öffentliche Waldbesitzer und Verbände sind eingeladen, nach dem Vorbild der NLF ihrerseits geeignete Flächen für die Flächenkulisse zu melden und in die Bilanz einfließen zu lassen.

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