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Minister Stefan Wenzel präsentiert neuen Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen: "Unentbehrliche Grundlage für Naturschutzarbeit und Wissenschaft"

Pressemitteilung 44/2014

Der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz Stefan Wenzel hat den neuen Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen vorgestellt. „Der Brutvogelatlas bietet eine unentbehrliche Grundlage für die Naturschutzarbeit und die Wissenschaft“, sagte der Minister heute (Donnerstag) in Hannover. So helfe die gute Kenntnis der Brutvogelfauna maßgeblich bei der Beurteilung des Einflusses des Klimawandels auf die Biodiversität. Der mehr als 550 Seiten starke Band wurde vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) veröffentlicht. Er präsentiert die bei den landesweiten Erfassungen in den Jahren 2005 bis 2008 gewonnenen Ergebnisse und beschreibt die gegenüber dem vorigen Brutvogelatlas aus den 1980er Jahren eingetretenen Veränderungen.

In Niedersachsen und Bremen brüten insgesamt 208 verschiedene Brutvogelarten, davon 196 Arten regelmäßig, das heißt alljährlich. Fast ein Drittel der Arten hat seinen Hauptlebensraum im Wald, fast gleich viele in Feuchtgebieten und gut ein Fünftel im Offenland und in landwirtschaftlich genutzten Flächen. Insgesamt brüten in Niedersachsen und Bremen rund 13,7 Mio. Brutvogelpaare. Häufigste Art ist der Buchfink mit 1,9 Mio. Paaren, gefolgt von der Amsel mit 1,4 Mio. Paaren. Vergleicht man den neuen Brutvogelatlas mit seinem Vorgänger (1981-1985), ergeben sich deutliche Unterschiede: Bei 39 % der Arten hat sich der Bestand an Brutpaaren deutlich vergrößert, bei 38 % dagegen deutlich verringert. Sehr stark zugenommen haben zum Beispiel Löffler, Seeadler und Kranich, sehr stark abgenommen die Bestände von Bekassine, Star und Ortolan.

„Der neue Atlas der Brutvögel stellt die Situation zu Beginn der prognostizierten erheblichen Klimaänderungen dar“, erklärte Thorsten Krüger vom NLWKN, einer der vier Hauptautoren. „Insofern ist hiermit ein wichtiger Grundstein gelegt, um die zukünftigen Auswirkungen der Klimaänderungen auf Zusammensetzung, Verteilung und Häufigkeit der Brutvogelfauna Niedersachsens feststellen und verfolgen zu können.“ Herwig Zang, Ehrenamtlicher und ebenfalls einer der Hauptautoren, ergänzte: „Vögel sind die bestuntersuchte Organismengruppe und eignen sich deshalb für die Beurteilung des Einflusses von Klimawandel auf die Biodiversität besonders gut.“

Angesichts der prognostizierten Klimaänderungen könnten alle Vogelarten einschließlich ihrer Lebensgemeinschaften im 21. Jahrhundert zum Teil erheblich veränderten Lebensbedingungen ausgesetzt sein. So könnte sich das Areal europäischer Brutvogelarten bis zum Ende dieses Jahrhunderts im Durchschnitt um etwa 20 % verkleinern; das Verbreitungszentrum könnte sich etwa 550 Kilometer nach Norden und Osten verschieben. In Niedersachsen können sich die Klimaänderungen vor allem auf Vogelarten an der Küste, an den Binnengewässern sowie in den Mooren und Verlandungszonen negativ auswirken. Mehrere Hundert Ehrenamtliche haben die Daten für den neuen Brutvogelatlas erhoben, der in Zusammenarbeit der Niedersächsischen Ornithologischen Vereinigung (NOV) und der Staatlichen Vogelschutzwarte im NLWKN entstanden ist. Die Kartierungen fanden einerseits im Rahmen des Niedersächsischen Vogelarten-Erfassungsprogramms des NLWKN statt, andererseits wurden viele Arten speziell für den Atlas über mehrere Jahre von Mitgliedern der NOV erfasst. „Etwa 650 Menschen waren über mehrere Jahre und zu allen Jahreszeiten in ihren Beobachtungsräumen unterwegs und haben ihre Sichtungen akribisch aufgelistet. Zusammen haben sie 60.000 Stunden ihrer Freizeit investiert“, so Wenzel. „Ihrem Einsatz haben wir das ausführliche Werk zu verdanken, dass wir heute hier vorstellen können. Die Niedersächsische Landesregierung schätzt dieses Engagement hoch ein.“



Hintergrund:

Der neue Brutvogelatlas Niedersachsen und Bremen

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hat den neuen Brutvogelatlas für Niedersachsen und Bremen herausgegeben. Er erscheint als Heft 48 der Schriftenreihe Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen. Auf mehr als 550 Seiten werden die Ergebnisse für die 208 Brutvogelarten Niedersachsens detailliert beschrieben und ausgewertet.

Was ist ein Brutvogelatlas?

Ein Brutvogelatlas dokumentiert die Verbreitung aller Brutvögel eines Bearbeitungsgebiets in einem bestimmten Zeitabschnitt. Aus ihm lässt sich ablesen, welche Arten eine weite Verbreitung haben oder welche sich auf nur wenige Brutgebiete konzentrieren. Zusätzlich geht aus einem Brutvogelatlas hervor, wie häufig (oder selten) die Arten sind. Wiederholte Atlaskartierungen können Veränderungen des von den verschiedenen Brutvogelarten jeweils besiedelten Areals und ihrer Bestände aufzeigen.

Damit stellt ein Brutvogelatlas unentbehrliche Grundlagen für die Naturschutzarbeit und Wissenschaft zur Verfügung. Basierend auf den Ergebnissen lassen sich z. B. Gefährdungseinstufungen für die Arten in den Roten Listen sowie Prioritätensetzungen im Vogelschutz vornehmen. Der Einfluss von Klimaänderungen auf die Biodiversität lässt sich für Vögel als Indikator bei wiederholten Atlaskartierungen durch die Arealveränderungen aufzeigen.

Der neue Brutvogelatlas präsentiert die bei den Erfassungen in Niedersachsen und Bremen in den Jahren 2005 bis 2008 gewonnenen Ergebnisse, interpretiert sie vor dem Hintergrund der bisher vorhandenen Kenntnisse und beschreibt die gegenüber dem vorigen Brutvogelatlas eingetretenen Veränderungen.

Erstellung

Der Brutvogelatlas basiert überwiegend den Daten ehrenamtlich tätiger Vogelkundler. Diese wurden einerseits im Rahmen des bundesweiten ADEBAR-Projektes erhoben. Die Mitglieder der Niedersächsischen Ornithologischen Vereinigung (NOV) hatten bereits 2004 beschlossen, sich an den Arbeiten zum Atlas Deutscher Brutvogelarten („ADEBAR“-Projekt) zu beteiligen. Die niedersächsische Kartierung sollte aber detaillierter als auf Bundesebene erfolgen, um mit den Ergebnissen eine Grundlage für einen aktualisierten niedersächsischen Atlas zu schaffen.

Andererseits flossen die Daten aus dem Niedersächsischen Vogelarten-Erfassungsprogramms des NLWKN – Fachbehörde für Naturschutz – in den Atlas ein, die ebenfalls überwiegend ehrenamtlich erhoben wurden.

Etwa 650 Ehrenamtliche haben die Daten erhoben und zwar durch echte, zeitaufwändige Kartierarbeit. Der zeitliche Aufwand des ehrenamtlichen Engagements für das gesamte Atlasprojekt liegt in einer Größenordnung von rund 60.000 Stunden.

Sehr wichtig war dabei die Anbindung des Projektes bei der Staatlichen Vogelschutzwarte in der Fachbehörde für Naturschutz (NLWKN) Niedersachsens. Diese Kombination aus hochqualifiziertem ehrenamtlichen Engagement und fachbehördlicher Organisations-, Service- und Analysefunktion war ein Garant für die erfolgreiche Umsetzung des Projektes.

Wie viele Brutvogelarten gibt es?

Im Kartierungszeitraum 2005-2008 wurden in Niedersachsen und Bremen insgesamt 208 Brutvogelarten festgestellt. Davon brüten 196 Arten regelmäßig, d. h. alljährlich in Niedersachsen. Hierzu zählen Arten wie Haubentaucher, Uhu, Wanderfalke, Amsel, Singdrossel, Buchfink und Star.

Einige Arten brüten in Niedersachsen nur unregelmäßig (z. B. Seidenreiher) oder sind ursprünglich nicht in Niedersachsen heimisch, inzwischen aber fest eingebürgert (Neozoen), z. B. die Nilgans.

Wo leben die Arten?

Fast ein Drittel der Arten hat ihren Hauptlebensraum im Wald, knapp 30 % in Feuchtgebieten und gut 20 % im Offenland und in landwirtschaftlich genutzten Flächen. Die restlichen Arten leben vorwiegend an der Küste, in den Siedlungen und in Trockenlebensräumen und an Sonderstandorten.

Die Anzahl der Brutpaare ist in den verschiedenen Hauptlebensraumtypen sehr unterschiedlich. Mit 31 % lebt der überwiegende Anteil im Wald, gefolgt von landwirtschaftlichen Flächen und Offenland sowie den Siedlungen.

Wie viele Brutvögel gibt es?

Die Gesamtbilanz für alle 208 Arten ergibt rund 13,7 Mio. Brutpaare (bzw. ca. 27,4 Mio. Brutvögel) in Niedersachsen und Bremen. Der Buchfink ist mit 1,9 Mio. Paaren die häufigste Brutvogelart, gefolgt von der Amsel mit 1,4 Mio. und der Ringeltaube mit 1 Mio. Paaren. Dagegen brüten z. B. von der Zwergdommel nur ein und vom Brachpieper nur noch drei Paare in Niedersachsen

Wie verbreitet sind die Arten im Land?

40 Brutvogelarten (19 %) besiedeln jeweils mehr als 95 % der Fläche Niedersachsens und Bremens und sind damit nahezu flächendeckend verbreitet. Amsel und Feldlerche sind mit 99,8 % die am weitesten in Niedersachsen verbreiteten Arten. Dagegen ist die Verbreitung von 59 Arten (28 %) derart eingeschränkt, dass sie auf weniger als 5 % des Landes vorkommen.

Artenreiche Gebiete in Niedersachsen

Artenreiche Gebiete mit mehr als 100 unterschiedlichen Brutvogelarten liegen v. a. im Tiefland Niedersachsens, vermehrt im östlichen Teil. Schwerpunkt des Artenreichtums ist das gesamte Wendland mit der Mittelelbeniederung im Osten des Landes.

Vergleich der Brutvogelatlanten 1981-1985 und 2005-2008

Änderungen der Anzahl der Paare

In der Bilanz der Bestandsentwicklungen halten sich positive und negative Verläufe insgesamt die Waage. Bei 39 % der Arten hat sich der Bestand um mehr als 20 % vergrößert, bei 38 % hat er sich um mehr als 20 % verringert. Und bei knapp einem Viertel des gesamten Artenspektrums sind die Bestände in etwa konstant geblieben.

Zu den 60 Arten mit sehr starker Zunahme (> 50 %) gehören z. B. Löffler, Seeadler und Kranich. Bei 47 Arten haben sich dagegen die Bestände mindestens halbiert. Etwa jede fünfte Vogelart ist damit in ihrem Bestand sehr stark zurückgegangen, z. B. Zwergdommel, Bekassine und Ortolan.

Etwa die Hälfte der 42 Vogelarten der überwiegend landwirtschaftlich genutzten Landschaften ist im Bestand rückläufig, wie z. B. Kiebitz, Braunkehlchen und Feldlerche. Positiv haben sich hier hingegen die Bestände von z. B. Wachtel, Wiesenweihe und Steinkauz entwickelt. Die Vögel der Agrarlandschaft sind mittlerweile die am stärksten bedrohte Vogelartengruppe in Deutschland.

Bei den 31 Vogelarten der Gewässer stehen 20 Arten mit positiver Entwicklung fünf Arten mit negativem Verlauf gegenüber. So ist z. B. aus der 1981-1985 in nur etwa 500 Paaren vorkommenden Graugans so etwas wie eine „Allerweltsart“ an den Gewässern geworden.

Zu den Erfolgsgeschichten des Vogelschutzes gehört auch die Rückkehr der Adler nach Niedersachsen: 1981-1985 noch als ausgestorben geltend, kamen 2005-2008 sechs Paare des Fischadlers und 21 Paare des Seeadlers vor.

Änderungen der Verbreitung der Arten

Bei der Hälfte der niedersächsischen Brutvogelarten ist die Verbreitung im Land im Vergleich zum vorherigen Atlas in etwa konstant geblieben. Bei der zweitgrößten Gruppe (35 %) hat sich das besiedelte Areal der Arten markant vergrößert (sehr groß z. B. bei Schellente, Kranich und Sperlingskauz). Bei 14 % der Arten hingegen ist eine Verkleinerung des Areals festzustellen. Mit der Bekassine hat z. B. eine ehemals in Niedersachsen weit verbreitete Charakterart der Niederungen nach 1985 noch einmal 54 % ihres Verbreitungsgebietes verloren.

Ausblick Klimawandel

Der vorliegende Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008 stellt die Situation zu Beginn der prognostizierten erheblichen Klimaänderungen dar. Insofern ist hiermit ein wichtiger Grundstein gelegt, um die zukünftigen Auswirkungen der Klimaänderungen auf Zusammensetzung, Verteilung und Häufigkeit der Brutvogelfauna Niedersachsens feststellen und verfolgen zu können.

Angesichts der prognostizierten Klimaänderungen könnten alle Vogelarten einschließlich ihrer Lebensgemeinschaften im 21. Jahrhundert z. T. erheblich veränderten Lebensbedingungen ausgesetzt sein. Einer umfangreichen Studie zu Folge könnte sich das Areal europäischer Brutvogelarten bis zum Ende dieses Jahrhunderts im Durchschnitt um etwa 20 % verkleinern und sich deren Verbreitungszentrum etwa 550 km nach Norden und Osten verschieben.

In Deutschland könnten vor allem Feuchtgebietsarten und Vogelarten bestimmter Waldtypen deutlich abnehmen oder sogar ganz verschwinden (z. B. Fitis, Schwarz- und Weißstorch oder Bekassine).

In Niedersachsen können sich die Änderungen des Klimas v. a. auf Vogelarten der Küste negativ auswirken. Am zweitstärksten können die Arten der Binnengewässer betroffen sein, an dritter Stelle die der Moore und Verlandungszonen. Damit kann es zu einem Großteil gerade jene Arten treffen, die als Küsten-, Feuchtgebiets- oder Moorvögel für Niedersachsen und Bremen besonders charakteristisch sind und für die das Bearbeitungsgebiet große Anteile am deutschen oder auch europäischen Bestand hat.

Fazit

Es ist äußerst sinnvoll, auch zukünftig vollständige Übersichten der gesamten niedersächsischen Brutvogelwelt zu erstellen. Sie können als eine Art zusätzliches, in größeren Zeitintervallen stattfindendes Monitoring angesehen werden, z. B. als „Klimafolgen-Monitoring“: Vögel sind die bestuntersuchte Organismengruppe und eignen sich deshalb für die Beurteilung des Einflusses von Klimawandel auf die Biodiversität besonders gut. Ebenso können mittelfristige Veränderungen in der Agrarlandschaft anhand von Daten aus der Avifauna dokumentiert werden.

Dabei dürfte ein Zeitintervall von 20 Jahren zwischen den Atlanten geeignet sein, die eingetretenen Veränderungen ohne den Einfluss nur temporär wirkender Faktoren belastbar aufzuzeigen.

Atlas der Brutvögel in Niedersachsen und Bremen 2005-2008

von Thorsten Krüger, Jürgen Ludwig, Stefan Pfützke und Herwig Zang.

Schriftenreihe Naturschutz und Landschaftspflege in Niedersachsen, Heft 48, 552 Seiten + DVD, 29,- € zzgl. 2,50 € Versandkosten

Zu beziehen bei:

Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN)

– Naturschutzinformation –

Postfach 91 07 13, 30427 Hannover

naturschutzinformation@nlwkn-h.niedersachsen.de

Tel.: 0511/3034-3305

www.nlwkn.niedersachsen.de > Naturschutz > Veröffentlichungen

http://webshop.niedersachsen.de

Artikel-Informationen

10.04.2014

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