Nds. Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz klar

Was hat Glyphosat mit Insektensterben zu tun?

Der Niedersächsische Minister für Umwelt, Energie und Klimaschutz Stefan Wenzel hat namens der Landesregierung auf eine mündliche Anfrage der Abgeordneten Hermann Grupe, Dr. Stefan Birkner, Jörg Bode, Dr. Gero Hocker, Jan-Christoph Oetjen und Almuth von Below-Neufeldt (FDP) geantwortet.

Vorbemerkung der Abgeordneten

In einer Pressemitteilung des Umweltministeriums vom 18. Juli 2017 äußerte sich Minister Wenzel zum Artenschutz: „Ein Einsatz von Pestiziden muss drastisch reduziert werden. Aber das klare Ja zum Artenschutz und gegen das Insektensterben braucht ein klares Nein zu Glyphosat." (https:// www.umwelt.niedersachsen.de/aktuelles/pressemitteilungen/landesumweltminister-stefan-wenzel-unterstuetzt-bundesumweltministerin-das-klare-ja-zum-artenschutz-braucht-ein-klares-nein-zu-glyphosat--155713.html, Abrufdatum: 20. Juli 2017)

Vorbemerkung der Landesregierung

Die Datengrundlage zum Insektensterben in Niedersachsen basiert auf Studien, welche überwiegend von Hochschulen, Naturschutzverbänden und ehrenamtlich tätigen Personen durchgeführt wurden.

1.Um wie viel Prozent ist die Insektenbiomasse in Niedersachsen in welchem Zeitraum zurückgegangen?

Es liegen keine landesweiten Daten für Niedersachsen vor. Überhaupt sind langfristige Schwankungen in Insektenpopulationen bisher kaum untersucht worden. Für Niedersachsen liegt eine Untersuchung von Wesche et al. aus dem Jahr 2014 vor, die in der Zeitschrift Natur und Landschaft, 89. Jahrgang, Heft 9/10, pp. 417-421 erschienen ist. Diese Studie vergleicht an ausgewählten Insektengruppen des Grünlands die Veränderungen seit den 1950er Jahren. Die Feldstudie wurde in der Weseraue bei Stolzenau durchgeführt. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es zwar keinen Rückgang in den Artenzahlen, aber zum Teil dramatische Einbrüche bei den Individuenzahlen gegeben hat. Die Autoren geben für die Artengruppen der Heuschrecken und Zikaden Verluste von mehr als 60 % an.

2.Welche wissenschaftlichen Belege gibt es für diesen Rückgang der Insektenbiomasse?

In den Mitteilungen aus dem Entomologischen Verein Krefeld findet sich eine wissenschaftlich solide Arbeit (Sorg, M.; Schwan, H.; Stenmans, W. & A. Müller (2013): Ermittlung der Biomassen flugaktiver Insekten im Naturschutzgebiet Orbroicher Bruch mit Malaise Fallen in den Jahren 1989 und 2013. - Vol. 1 (2013), pp. 1-5). Beschrieben werden die Biomassen aus den Ergebnissen von Insekten-Bestandserfassungen mit Malaise-Fallen im Naturschutzgebiet Orbroich, Krefeld. Die Ergebnisse zeigen mit identischer Fallentechnik an denselben Standorten nach 24 Jahren (zwischen 1989 und 2013) einen auffällig hohen Verlust (> 75%) in der Masse flugaktiver Insekten (andere Insekten werden von einer Malaise-Falle, rein aus technischen Gründen, nicht erfasst). Die Arbeit erfüllt wissenschaftliche Standards, kann aber nicht automatisch auf alle Lebensräume übertragen werden. Auf die in Frage 1 genannte zweite Studie aus der niedersächsischen Weseraue wird verwiesen.

3.Was hat das von Minister Wenzel erwähnte Insektensterben mit Glyphosat zu tun?

Glyphosat ist die biologisch wirksame Hauptkomponente verschiedener Breitbandherbizide, sogenannter „Totalherbizide" und wird in großem Umfang in der Landwirtschaft, im Gartenbau, in Industrie und in Privathaushalten eingesetzt. Laut einer Expertenbefragung aus dem Jahr 2011 werden 30 % der deutschen Ackerfläche jährlich mit Glyphosat behandelt. Eine Umfrage unter 896 Landwirten aus demselben Jahr schätzte den Flächenanteil auf 39 %.

Glyphosat ist ein nicht-selektives Blattherbizid mit systemischer Wirkung, d.h. der Wirkstoff wird über grüne Pflanzenteile aufgenommen, verteilt sich in der Pflanze und führt zum Absterben der gesamten Pflanze.

Da Glyphosat nicht nur gegen ggf. problematische Unkrautarten wirkt, sondern gegen alle zum Zeitpunkt der Ausbringung grünen Pflanzen, ist von einer beträchtlichen Auswirkung auf Nichtzielorganismen auszugehen. Das gilt sowohl im Ackerbau als auch in der Grünlandwirtschaft. Aus landwirtschaftlicher Sicht völlig unproblematische Arten der Ackerbegleitflora werden ebenso getroffen wie die zahlreichen Pflanzenarten einer Wiese oder Weide, wenn z.B. im Rahmen einer Grünlanderneuerung Glyphosat eingesetzt wird und damit die pflanzliche Artenvielfalt der Grünlandnarbe weitgehend und sehr viel stärker als durch mechanische Maßnahmen nachhaltig vernichtet wird.

Wegen der großflächigen und regelmäßigen Anwendung und der nicht-selektiven Wirkung auf alle grünen Pflanzen ist davon auszugehen, dass die Glyphosatanwendung nicht unwesentlich an dem Rückgang der pflanzlichen Artenvielfalt in der Agrarlandschaft beteiligt ist.

Da Insekten nicht nur auf ein Blütenangebot über möglichst weite Teile des Jahres angewiesen sind, sondern vielfach auch an speziellen Futterpflanzenarten auftreten, ist ein Zusammenhang zwischen dem Rückgang pflanzlicher Artenvielfalt und der Insektenvielfalt und -biomasse, die wiederum für Artengruppen wie z.B. Vögel oder Laufkäfer relevant sind, nicht von der Hand zu weisen.

Es wird kaum zu widerlegen sein, dass die großflächige Glyphosatanwendung indirekt über die Beeinträchtigung der Pflanzenartenvielfalt negative Auswirkungen auf Artenvielfalt und Biomasse der Insekten in Niedersachsen hat.

Artikel-Informationen

17.08.2017

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